diff --git a/docs/decisions/ADR-0003-verschluesselung-und-loeschung.md b/docs/decisions/ADR-0003-verschluesselung-und-loeschung.md new file mode 100644 index 0000000..f84b6f2 --- /dev/null +++ b/docs/decisions/ADR-0003-verschluesselung-und-loeschung.md @@ -0,0 +1,113 @@ +# ADR-0003 — Der Bestandsbereich ist verschlüsselt, gelöscht wird über den Schlüssel + +**Stand:** Angenommen, 20.08.2026 · **Entscheidet:** CIO Thomas Reitz +**Bezug:** `ADR-0002` (Startverfahren), Bedienkonzept §4 · **Betrifft:** Ersteinrichtung, +Konsolenmenü, Fassungswechsel, Außerbetriebnahme + +--- + +## Worum es geht + +Ein Gerät steht beim Kunden im Serverraum. Wer bis dorthin kommt, ist freigegeben — der Raum ist +die Zugangskontrolle, und so arbeitet jedes Netzwerkgerät. Die Annahme trägt aber genau so lange, +wie das Gerät im Haus des Kunden bleibt. + +**Sie trägt nicht mehr, wenn ein Laufwerk das Haus verlässt:** bei Reparatur, bei Austausch, bei +Rückgabe am Vertragsende, bei Entsorgung. Dann entscheidet nicht mehr das Türschloss, sondern +allein das, was auf dem Datenträger steht. + +Die Frage lautet deshalb: **Was gibt ein Laufwerk her, das aus dem Gerät ausgebaut wird?** + +## Die Entscheidung + +**Der Bestandsbereich wird bei der Einrichtung verschlüsselt. Ohne Ausnahme und ohne Schalter.** + +Er trägt alles, was dem Kunden gehört — Zustandsdatenbank, Wissensspeicher, Vektorindex, Tresor, +Protokolle. Genau deshalb ist er auch der richtige und einzige Ort dafür: Die Regel „alles +Dauerhafte gehört in den Bestand" macht die Verschlüsselung **eines** Bereichs ausreichend. + +**Die Wurzeln werden nicht verschlüsselt, sondern auf Unversehrtheit geprüft.** + +Das ist kein Sparen, sondern eine andere Frage. In den Wurzeln steht unsere ausgelieferte Software +— sie ist auf jedem Gerät dieselbe und damit kein Geheimnis. **Vertraulichkeit ist dort kein Thema, +Unversehrtheit sehr wohl:** Wer den Datenträger in der Hand hat, könnte die Wurzel verändern und +das Gerät startete sie. Dagegen hilft keine Verschlüsselung, sondern eine Prüfung beim Start. + +Das passt zudem zum A/B-Verfahren: Eine nur lesbare, geprüfte Wurzel ist ohnehin das, was der +Fassungswechsel voraussetzt. + +## Sichere Löschung heißt Schlüsselvernichtung + +**Auf Flash-Speichern ist Überschreiben nicht verlässlich.** Die Verschleißverteilung des Laufwerks +schreibt an eine andere Stelle, als der Befehl meint; überschriebene Blöcke können physisch +erhalten bleiben. Ein Löschlauf, der stundenlang Nullen schreibt, erzeugt vor allem ein gutes +Gefühl. + +**Ist der Bereich verschlüsselt, ist die Löschung die Vernichtung des Schlüssels.** Das dauert +Sekunden, ist vollständig und lässt sich belegen. Der Rest ist Rauschen. + +> Deshalb hängen die beiden Festlegungen zusammen: **Ohne Verschlüsselung gibt es keine verlässliche +> Löschung.** Wer B will, muss A haben. + +Drei Stufen, weil drei verschiedene Absichten dahinterstehen: + +| Stufe | Was geschieht | Wofür | +|---|---|---| +| **Einstellungen zurücksetzen** | Netz, Kennwörter, Zertifikate, Einrichtungszustand. Der Bestand bleibt | Ausgesperrt, falsch eingerichtet | +| **Sichere Datenlöschung** | Der Schlüssel wird vernichtet. Der Bestand ist damit unwiederbringlich | Weitergabe, Rückgabe, Vertragsende | +| **Datenträger bereinigen** | Zusätzlich der Löschbefehl des Laufwerks selbst | Entsorgung, Reparatur außer Haus | + +Die zweite und dritte Stufe erzeugen einen **Löschnachweis** auf USB: Gerätekennung, Seriennummer +des Laufwerks, angewandtes Verfahren, Zeitpunkt, Ergebnis. Das ist kein Beiwerk — bei einem +Produkt, dessen Verkaufsargument der Nachweis ist, wäre eine Löschung ohne Beleg ein Widerspruch in +sich. Und es ist genau das, was ein Kunde am Vertragsende verlangt. + +## Der Schlüssel muss ohne Menschen verfügbar sein — und das ist die harte Stelle + +Ein Gerät im Serverraum muss nach einem Stromausfall von allein hochkommen. Niemand tippt um drei +Uhr nachts eine Passphrase. Der Schlüssel bindet deshalb an den **Sicherheitsbaustein der +Hardware**, der ihn nur herausgibt, wenn die Messung des Startzustands stimmt. + +**Damit wird aus einer Tresorfrage eine Gerätefrage.** Die offene Frage O-8 betraf bisher die +Zugangsdaten; sie betrifft jetzt den gesamten Datenbestand. + +> **Und sie kollidiert mit dem Fassungswechsel.** Die Messung des Startzustands ändert sich mit +> Kern und Startlader — also bei **jedem** Update. Wird der Schlüssel nicht vorher auch für die neue +> Fassung hinterlegt, steht nach dem Umschalten ein Gerät da, das oben ist und an seine eigenen +> Daten nicht herankommt. +> +> Das ist der schlimmste denkbare Ausgang: **nicht ein misslungenes Update, sondern ein +> unerreichbarer Bestand.** Und der Rücksprung rettet es nur, solange die alte Messung noch gültig +> ist. + +Daraus folgt eine Reihenfolge, die nicht verhandelbar ist: + +**Der Fassungswechsel hinterlegt den Schlüssel für die neue Fassung, solange die alte noch läuft +und der Bereich offen ist — und erst danach schaltet er um.** Wird das vergessen, ist das kein +Schönheitsfehler, sondern ein Datenverlust. + +## Was daraus für den Nachweis folgt + +Zum ersten Nachweis des Erzeugnisses — der Rücksprung greift von selbst — kommt ein zweiter, und er +ist genauso wichtig: + +> **Nach einem Fassungswechsel und nach einem Rücksprung ist der Bestandsbereich erreichbar.** + +Er lässt sich nur auf echter Hardware mit echtem Sicherheitsbaustein erbringen, nicht in einer +virtuellen Maschine. + +## Die verworfenen Alternativen + +**Verschlüsselung als Option anbieten.** Verlockend, weil es die Entsperrung beim Start zunächst +umgeht und die Ersteinrichtung vereinfacht. Dagegen steht, dass eine Sicherheitseigenschaft, die +abschaltbar ist, im Zweifel abgeschaltet ist — und dass ein Gerät ohne sie keine verlässliche +Löschung kennt. Ein Produkt, das in Banken und Verteidigungsbereiche verkauft werden soll, kann das +nicht als Wahlmöglichkeit führen. + +**Löschen durch Überschreiben.** Der vertraute Weg, und auf drehenden Platten war er richtig. Auf +Flash-Speichern ist er langsam und gibt eine Sicherheit vor, die er nicht hat. + +**Auch die Wurzeln verschlüsseln.** Kostet Vertraulichkeit, die es dort nicht zu schützen gibt, und +verlegt die Entsperrung in den Startvorgang **vor** den Selbstprüflauf — womit ein Fehler dort das +Gerät unrettbar macht, statt einen Rücksprung auszulösen. Der Rückweg ist mehr wert als die +Verschlüsselung von Dateien, die auf jedem Gerät gleich sind.